Tritt ein und lass dich verzaubern
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Lineik und Laufey
In alter Zeit regierte ein König mit seiner Königin über ein großes, gewaltiges Reich. Wie sie hießen, wird nicht erwähnt; sie hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, welche zur Zeit dieser Erzählung beide schon erwachsen waren. Der Sohn hieß Sigurd und die Tochter Lineik; sie waren beide durch Geist und körperliche Geschicklichkeit ausgezeichnet, so daß man kaum ihres Gleichen finden konnte, so weit man auch darnach suchen mochte. Sie liebten einander so innig, daß das Eine nicht ohne das Andere sein konnte, und darum ließ der König ihnen ein großes und prächtiges Haus erbauen und gab ihnen so viele Diener und Dienerinnen, als sie nöthig hatten. So verging die Zeit, ohne daß sich etwas Besonderes zutrug, bis die Königin einmal schwer krank wurde. Da ließ dieselbe den König zu sich rufen und sagte zu ihm, sie glaube, daß sie an dieser Krankheit sterben werde. »Um zwei Dinge«, sagte die Königin, »will ich Dich bitten, bevor ich sterbe, und ich hoffe, daß Du dieselben beherzigen wirst; erstens, daß Du Dir, falls Du Dich wieder verheirathen willst, Deine Gemalin nicht an kleinen Orten oder auf abgelegenen Inseln suchest, sondern in großen Städten oder volkreichen Ländern; es wird Dir dies Glück bringen; zweitens, daß Du Dein ganzes Sinnen darauf legest, auf unsere Kinder Acht zu haben; sie werden Dir, denke ich, von allen Menschen am meisten Freude bereiten auf dieser Welt.« Nachdem die Königin dies gesprochen hatte, starb sie. Dem Könige ging ihr Tod so sehr zu Herzen, daß er alle seine Regierungsgeschäfte vernachlässigte. Nach Verlauf einiger Zeit trat eines Tages der erste Minister vor den König und erklärte ihm, daß es dem Lande von Schaden sei, wenn er sich noch länger nicht um die Regierung bekümmere und fortwährend um die Königin trauere, und »es ist königlicher«, sagte der Minister, »sich aufzuraffen und seinen Kummer zu unterdrücken; seht Euch um eine andere Partie um, welche Eurer würdig ist.« »Das ist eine schwierige Sache«, antwortete der König; »da aber Du es bist, der mir diesen Rath gibt, so ist es am Besten, daß auch Du die Ehre und Mühe auf Dich nimmst; ich überlasse es daher Dir, mir ein Weib zu suchen, das meiner würdig ist; nur die eine Bedingung stelle ich, daß Du sie nicht von kleinen Ortschaften oder abgelegenen Inseln holest.« Hierauf wurde Alles für die Reise vorbereitet; der König gab seinem Minister die beste Ausrüstung und ein prächtiges Reisegefolge mit und derselbe segelte nun alsbald mit seiner Begleitung ab. Als sie eine Strecke weit den beabsichtigten Curs eingehalten hatten, erhob sich ein so dichter Nebel, daß sie nicht mehr wußten, wo sie waren. Einen ganzen Monat lang irrten sie so auf dem Meere umher, bis sie endlich ein Land vor sich liegen sahen, welches sie nicht kannten. Sie fanden hier einen guten Hafen, verließen das Schiff und schlugen Zelte auf. Da aber kein Mensch zu sehen war, glaubten sie, daß es eine öde Insel sei. Während die Leute sich ausruhten, begab sich der Minister allein landeinwärts; er war nicht