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Verstand und Glück
Es war einmal ein junger Bursche, dumm und unsagbar arm. Tagein, tagaus klapperte er vor Hunger mit den Zähnen und ging mit knurrendem Magen zur Ruh, denn er konnte sich kein Brot kaufen. Er wäre wohl Hungers gestorben, hätten sich die Nachbarn nicht zuweilen seiner erbarmt, ihm zu essen gegeben und ihn zu einfachen Arbeiten angestellt, etwa zum Wasserholen oder zum Holzsägen und -aufschichten. Sie versuchten auch, ihm ein Handwerk beizubringen, zumal er kräftig und fleißig war, schickten ihn mit den Holzfällern in den Wald und liehen ihm einen Esel, damit er das Holz, das er gefällt hatte, abfahren und auf dem Markt verkaufen könnte. Aber selbst dabei kam nichts heraus, hatte der Bursche doch einen Kopf wie ein hohler Kürbis. Dabei hatte er Glück und auch Verstand. Nur waren beide leider ihrem Herrn untreu geworden, trieben sich irgendwo in der Welt herumjund ließen ihn als dummen Pechvogel leben. Aber eines Tages trafen Glück und Verstand zufällig irgendwo in der Welt zusammen. „Grüß dich, Bruder Verstand!“ lächelte das Glück. „Wir haben uns seit unserem Auseinandergehn schier vergessen. Wo warst du so lange?“ — „Ebenda, wo auch du dich herumgetrieben hast“, versetzte der Verstand spöttisch. „Was soll die Frage?“— „Weißt du das wirklich nicht? Oder willst du mich nicht verstehen?“ erkundigte sich das Glück. „Aha, das soll wohl eine Anspielung auf den jungen Burschen sein!“ brummte der Verstand. „Erraten!“ rief das Glück. „Höre, wir müssen ihm helfen, so wie augenblicklich geht es mit ihm nicht weiter.“ — „Wenn du ihm auch hilfst, bin ich einverstanden“, willigte der Verstand ein. Und sie machten sich ans Werk. Sofort wurde der Bursche klug, und ihm gelang alles, was er sich vornahm. Er fuhr mit dem geliehenen Esel in den Wald und suchte sich dort eine hohe, dicke Buche von erstklassigem Holz aus, bei der sich der Verkauf lohnte im Gegensatz zu früher, wo er nur mit einem Bündel Reisig, das ihm keinen Pfifferling einbrachte, auf den Markt gegangen war. Als er so eine Buche gefunden hatte, ging er ihr mit kraftvollen Axtschlägen zu Leibe, bis sie erbebte und knarrend zu Boden sank. Dabei fielen plötzlich unzählige Goldstücke aus einer Höhlung im Stamm. Der Bursche begriff anfangs gar nicht, welchen Fund er gemacht hatte, denn er hatte noch niemals ein Goldstück zu Gesicht bekommen. Trotzdem las er die Münzen sorgfältig auf und steckte sie in den Quersack. Dann zersägte er das Buchenholz, lud es dem Esel auf und kehrte heim. Zu Hause schüttete er die Münzen auf den Tisch. Sein Verstand sagte ihm: Es könnte mir schaden, alle auf einmal vorzuzeigen. Besser, ich nehme eine einzige Münze, bringe sie zum Goldschmied und lasse sie abschätzen. Danach kann ich mir immer noch überlegen, was ich tun will. Der Goldschmied nahm die Münze, probierte sie mit den Zähnen, betupfte sie mit einer Säure, und als er sah, daß sie aus purem Gold bestand, versuchte er durch eine List, sie dem Burschen abzuhandeln. „Das ist eine Bronzemünze“, sagte er. „Verkaufe sie mir, denn ich brauche gerade für eine