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Der Königssohn und der Bartlose
Es war einmal ein König, der war schon zwölf Jahre verheiratet, ohne Kinder zu bekommen; nach zwölf Jahren aber wurde der Leib seiner Frau gesegnet, und als er dies erfuhr, sprach er zu ihr: »weil ich verreisen muß, so sollst du mir, wenn du einen Knaben bekommst, diesen schicken, sobald er sechszehn Jahr alt ist, und sieh dich dann vor, daß du ihm keinen Bartlosen zum Führer giebst; wenn du aber eine Tochter bekommst, so mag sie bei dir bleiben und du kannst sie verheiraten, wie es dir gut scheint.« Darauf reiste er ab. Die Königin bekam aber einen Knaben, und als er heranwuchs, schickte sie ihn in die Schule, und dort nannten ihn die Kinder Bastard. Da fragte er eines Tages seine Mutter: »sage mir, Mutter, warum rufen mich die Kinder Bastard? habe ich denn keinen Vater?« und diese antwortete ihm: »ja wohl hast du einen, mein Kind, und das ist sogar ein König; wenn du groß bist, so werde ich dich zu ihm schicken.« Als das der Knabe hörte, sagte er: »schicke mich nur gleich zu ihm, denn hier halte ich es nicht länger aus«, und setzte seiner Mutter so lange zu, bis diese sich entschloß, ihm den Willen zu tun, und auf den Markt ging, um einen Pferdetreiber zu suchen, mit dem er zu seinem Vater reisen könne. Sie fand aber dort nur einen bartlosen Treiber, der in die Stadt wollte, wo sich der König aufhielt, und da sie sich erinnerte, daß ihr der König aufgetragen hatte, den Knaben nicht mit einem Bartlosen zu schicken, so ging sie wieder nach Hause. Am zweiten Tage ging es ihr grade so, sie fand wieder nur einen bartlosen Pferdetreiber; und als sie am dritten Tage wieder ausging, um nach einer Gelegenheit zu suchen, da fand sich wieder nur der eine und der Treiber war wieder bartlos. Weil ihr aber der Knabe mit seiner Ungeduld keine Ruhe mehr ließ, so entschloß sie sich, ihn in Gottes Namen mit einem Bartlosen gehn zu lassen. Sie machte nun alles für die Reise Nötige zurecht und schickte ihn zum Vater. Unterwegs bekam der Prinz Durst und verlangte von dem Pferdetreiber Wasser. Dieser aber vertröstete ihn, daß sie weiter vorn an einen Brunnen kommen würden. Nach einer Weile rief der Prinz wieder: »ich sterbe vor Durst«, und der Bartlose antwortete: »wir werden gleich an dem Brunnen sein.« Als sie endlich bei dem Brunnen ankamen, ließ er den Prinzen an einem Seile herunter, damit er Wasser trinken können, und nachdem dieser sich satt getrunken, rief er dem Bartlosen zu: »zieh mich herauf.« Der aber erwiderte: »ich ziehe dich nicht eher herauf, als bis du mir versprichst, daß du mir deine Kleider geben und die meinigen anziehen willst, daß du mich auf dem Pferde reiten lassest und hinter mir als Treiber hergehst und daß du mich überall für den Königssohn ausgiebst, und wenn dir das nicht Recht ist, so magst du unten bleiben.« Was wollte der Prinz machen? er mußte endlich nachgeben und versprechen, was jener verlangte.