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Das Mädchen vom Balkon
Es war einmal ein Händler, der hatte eine Tochter, die so schön war wie die Sterne und so durchtrieben wie kleine Teufel. An ihren Balkon stieß der Garten des Königs. An jedem Nachmittag begoß sie ihre Blumen, und darunter befand sich ein prächtiges Basilienkraut. Der König gewann großen Gefallen an ihr und wartete zur bestimmten Stunde schon, um sie zu sehen, und jedesmal fragte er sie: Mädchen, da du von so großer Klugheit bist, kannst du mir sagen, wieviele Blätter dein Basilienkraut hat? Sie erwiderte ihm darauf: Majestät, Ihr könnt lesen, schreiben und rechnen, aber wißt Ihr auch, wieviele Sandkörner das Meer hat? Da besann sich der König, wie er dem Mädchen einen Streich spielen könnte, und er nutzte die Gelegenheit, als der Händler einmal verreist war. Er besorgte sich einen Koffer mit Kurzwaren und ging als Trödlerin verkleidet zum Hause des Mädchens. Ohne Argwohn ließ die Tochter des Händlers sie eintreten. Der König hatte einen prächtigen Ring dabei, der dem Mädchen über die Maßen gefiel. Sie pries ihn sehr und es schmerzte sie, daß sie ihn nicht kaufen konnte. Aber die Trödlerin sagte ihr: »Mein Fräulein, ich schenke Euch den Ring, wenn Ihr mir einen Kuß gebt, denn ich bin vernarrt in Euch, und wäre es auch nur auf den Schleier, den ich vor dem Gesicht trage.« Und eh‘ man sich’s versah, hatte das Mädchen den Kuß gegeben und den Ring erhalten. Als sie am Nachmittag die Blumen goß, erschien der König und fragte wie gewöhnlich: Mädchen, da du von so großer Klugheit bist, kannst du mir sagen, wieviele Blätter dein Basilienkraut hat? Und sie gab sogleich zurück: Majestät, Ihr könnt lesen, schreiben und rechnen, aber wißt Ihr auch, wieviele Sandkörner das Meer hat? Und der König, der nichts gesagt hatte, fuhr fort: Und jener Kuß, den du – wenngleich nur auf den Schleier – gabst … Dem Mädchen stockte das Herz. Sie wurde ganz rot und schwor bei sich, daß sie sich rächen würde. Eines Tages verkleidete sie sich als Negerin und ging zum Königspalast, um ihre Dienste als Magd anzubieten. Zuerst aber vereinbarte sie mit dem Diener des Königs, daß er auf dessen Balkon bei Nacht eine Ziege bringen würde, die man im Garten hielt. Der König behielt die kleine Negerin sogleich für sich, denn sie war sehr hübsch, und aus Furcht, daß sie ihm weglaufen könnte, brachte er sie in ein Zimmer neben dem seinen und befestigte an ihrem Arm ein Band. In der Nacht zog der König an dem Band, und er fühlte, daß die Negerin noch da war. Aber sobald der König fest eingeschlafen war, band sich das Mädchen los, holte ganz leise die Ziege, band sie an seiner Stelle fest und ging fort. Als der König aufwachte, dachte er an die entzückende kleine Negerin und zog sie an dem Band in sein Bett. Aber die Ziege begann zu meckern und der König erschrak und schrie, er hätte den Teufel im Haus. Da eilten viele Leute herbei, und alle sahen statt der Negerin die